Referat „Trauer“

Als ich 2002 plötzlich verwitwet war, suchte ich verzweifelt nach etwas oder jemandem, der mir diesen unsäglichen Schmerz wegnehmen konnte.

In meinen Therapien, die ich daraufhin machte, und in vielen Gesprächen mit Familie und Freunden musste ich jedoch lernen, dass nichts und niemand mir diesen Schmerz nehmen konnte und ich ihn aushalten musste.

In den Jahren meiner Aus- und Weiterbildungen habe ich mich intensiv mit dem Thema Trauer befasst und in diesem Rahmen ein Referat geschrieben, das ich Ihnen hier vorstellen möchte:

Trauer…
Trauer ist eine der größten Stresserfahrungen in unserem Leben. Wichtig ist, dass über Erlebnisse mit der verstorbenen Person gesprochen werden darf, die Erinnerungen an die gemeinsamen Erlebnisse sind wichtig, um sie in unser Leben, in unsere Vergangenheit zu integrieren.
Viele Menschen sind erstaunt über die Länge und Tiefe ihrer Trauer und glauben, das sei nicht normal. Der Trauerweg eines jeden ist einzigartig und doch gibt es Gemeinsamkeiten und ähnlich ablaufende Prozesse. Den Trauerprozess kann man spiralförmig betrachten.
Immer, wenn man denkt ein Stadium abgeschlossen zu haben, kann man nach einer Zeit wieder dorthin zurückkehren, jedoch auf einem höheren Niveau.
Trauer ist keine Krankheit, kann aber krank machen. Trauer ist eine gesunde und normale Reaktion auf einen Verlust. Direkt nach dem Tod beginnt die akute Trauer und nach dem erfolgreichen Durchleben der Trauerphasen bzw. der Abarbeitung der Traueraufgaben, sprechen wir von der integrierten bzw. normalen Trauer. Ein Nachlassen der Trauer findet erst dann statt, wenn wir den Verlust in unser Leben integriert und einen neuen Sinn in unserem Leben gefunden haben.
Die wichtigste Aufgabe eines Therapeuten in der Trauertherapie ist, den Trauernden zu begleiten, den Schmerz mit ihm auszuhalten. Bedeutsam ist auch, den Trauernden zu ermutigen, das Geschehene zu verbalisieren, es dadurch besser realisieren zu können.
Bei allen Parallelen, die es in einem Trauerprozess um einen verstorbenen Menschen gibt, ist jedoch jede Situation einzigartig und von vielen Faktoren abhängig und es gibt einige Fragen zu klären:
Liegt eine komplizierte Trauer vor?
Welche Belastungen gibt es außer der Trauer?
Gibt es Schuldgefühle oder Zukunftsängste?
Wie eng war die Bindung an den Verstorbenen? Und viele weitere Fragen.

Trauer bedeutet auch Abschied. Abschiede haben wir alle schon erlebt, in
unterschiedlichen Formen. Nicht nur bei einem endgültigen Verlust, dem Tod eines nahestehenden Menschen, sondern auch in anderen abschiedlichen Situationen erfahren wir Trauer. Solche Situationen erleben wir immer wieder, jeder einzelne von uns.
Nachfolgend genannte Situationen können Auslöser von Trauerprozessen sein und vielleicht kommt Ihnen etwas bekannt vor:

– das Ende einer Beziehung, eine Trennung oder Scheidung
– Enttäuschung oder Unerfüllbarkeit von Wünschen, Hoffnungen und Plänen
– Erfahrung mit ungewollter Kinderlosigkeit, Fehlgeburt oder Schwangerschaftsabbruch
– den Verlust der Kinder, weil sie erwachsen sind und das Haus verlassen haben
– den Verlust von Lebenschancen, die sich nicht mehr verwirklichen lassen
– ein Umzug, einen lieb gewordenen Ort verlassen
– Wechsel oder Verlust des Arbeitsplatzes
– Verlust von Fähigkeiten durch Krankheit oder Unfall
– Verlust der Jugend und der Konfrontation mit dem Alter, Begegnung mit der eigenen Sterblichkeit

Trauer und Abschiede sind fester Bestandteil unseres Lebens. Nachfolgend möchte ich nur auf die Trauer nach dem Tod einer nahestehenden Person eingehen.

Was passiert mit uns in einer solchen Abschiedssituation? Es beginnt ein Prozess, der Trauerprozess, zu dem bereits einige Theorien entwickelt wurden, die anhand von Trauermodellen beschrieben werden, auf die ich später näher eingehe.
Allen Modellen gemein ist ein fließender Übergang der einzelnen Stationen. Es gibt keine klaren Grenzen. Ein „Springen“ zwischen den einzelnen Stationen, wie auch ein wiederholtes Vorkommen einzelner Stationen ist möglich. Die Dauer der einzelnen Phasen ist personen- und auch fallbezogen individuell.
Es gibt viele verschiedene Modelle zu Trauerprozessen. Dazu ist grundsätzlich zu sagen, dass heute kaum noch die Modelle mit unterschiedlichen Trauerphasen benutzt werden, denn mittlerweile hat man erkannt, dass diese Phasenmodelle nur Ausschnitte der Wirklichkeit wiedergeben. Sie können nur als Annäherung begriffen werden, was Menschen in ihrer Trauer erleben.

Viele Berater haben diese Trauermodelle jedoch bisher als nützlich empfunden, um Trauerprozesse mit ihren unterschiedlichen, wechselnden Gefühlen besser zu verstehen.
Und genau deshalb möchte ich nachfolgend zwei Modelle beschreiben:

1. DAS MODELL VON VERENA KAST, in dem sie vier Phasen beschreibt. (Prof. Dr.
Verena Kast ist 1943 geboren und als Psychotherapeutin und Lehranalytikerin in
eigener Praxis tätig. Sie lehrt an der Universität Zürich und ist Dozentin am C. G.
Jung-Institut in Zürich. Darüber hinaus ist sie Präsidentin der Internationalen
Gesellschaft für Tiefenpsychologie e. V.)

Die erste Phase beschreibt
Das Nicht-Wahrhaben-Wollen
Entsetzen lähmt den Trauernden, „Nein, das kann nicht sein! – die müssen sich geirrt haben!“
Diese Phase dauert jedoch nur kurze Zeit, angefangen von wenigen Stunden, häufig bis zur Beisetzung, selten länger.
Es können körperliche Symptome auftreten, wie z. B. zittern, Kopfschmerzen, Schlaf- und Verdauungsstörungen.

Die zweite Phase beschreibt
Die Aufbrechenden Emotionen
Wut, Schmerz, Angst, Freude, Unruhe, Niedergeschlagenheit und eine Vielzahl weiterer Gefühle können in ständigem Wechsel auftreten. Aggressive Gefühle wie z. B. Wut und Zorn helfen dem Trauernden dabei, nicht depressiv zu werden. Diese negativen Gefühle werden häufig verdrängt. Dann kann passieren, dass der Trauernde aus dieser Phase nicht heraus kommt und die nächste Trauerphase wird nicht erreicht.
Das Erleben dieser Phase hängt stark davon ab, wie die Beziehung des Trauernden zu dem Verstorbenen war, wie eng war die Bindung, gab es Konflikte? Wenn diese Konflikte nicht zu Lebzeiten gelöst werden konnten, können jetzt Schuldgefühle entstehen.

Die dritte Phase ist
Die Phase des Suchens und Sich-Trennens.
Der Trauernde sucht Orte auf an denen er häufig mit dem Verstorbenen war und er stellt Situationen her, in denen er dem Verstorbenen sehr verbunden ist und sucht Ähnlichkeiten zum Verstorbenen in anderen Menschen. Durch das widerholte Suchen und nicht finden, erleidet der Trauernde immer wieder einen Verlust und ihm wird immer deutlicher, dass der Verstorbene nicht mehr da ist. Dadurch erkennt der Trauernde, dass nichts mehr so ist, wie es war.
In dieser Phase können Verzweiflung, Depression oder Apathie auftreten, bis hin zu Suizidgedanken, weil das Leben ohne den Verstorbenen als sinnlos erlebt wird.
Diese Phase kann Wochen bis sogar Jahre dauern.

Die vierte Phase beschreibt:
Die Phase des neuen Selbst- und Weltbezugs (Selbstfindung und Selbstverwirklichung.)
Wenn die dritte Phase durchlebt wurde und die Gedanken an den Verstorbenen nicht mehr so vorherrschend sind, besinnt sich der Trauernde mehr auf sich selbst und seinen weiteren Lebensweg ohne den Verstorbenen. Der Trauernde erkennt die Möglichkeit sich weiter zu entwickeln. Auch Dinge zu tun, die er gemeinsam mit dem Verstorbenen vielleicht nicht getan hätte, dadurch auch neue Menschen kennen zu lernen, die er sonst nicht kennen gelernt hätte.
Oft wird dem Trauernden bewusst, dass der Tod des geliebten Menschen ihm nicht nur vieles genommen, sondern das Leben mit dem Verstorbenen auch sehr viel gegeben hat.
Auch in dieser vierten Phase sind immer wieder Rückfälle in eine der vorausgegangenen Phasen möglich, häufig verbunden mit Selbstzweifeln. „Hab ich richtig getrauert? Habe ich genug getrauert? Darf ich mich schon neuem zuwenden?“
Wenn auch diese vierte Phase durchlebt wurde, sprechen wir von einer normalen bzw. integrierten Trauer.

2. DAS MODELL VON WILLIAM WORDEN, der vier Traueraufgaben beschreibt. (Prof. Dr. James William Worden ist 1932 geboren. Professor für Psychologie. Mitglied der American Psychological Association. Seit über 40 Jahren arbeitet Dr. Worden in Forschung und Praxis im Bereich Krankheit, Sterben, Tod und Trauer.)

Die erste Aufgabe lautet:
Den Verlust als Realität akzeptieren.
Der Trauernde kann es nicht glauben, es ist ein Gefühl der Unwirklichkeit – der
Trauernde muss erst realisieren, dass die Person nie wiederkommen wird. Dass der Verlust nicht als Realität akzeptiert wird, erkennen wir daran, dass der Hinterbliebene Gegenstände wie z. B. Kleidung oder Gewohnheiten des Verstorbenen beibehält. Für eine kurze Zeit ist das nicht ungewöhnlich, zieht es sich jedoch über Jahre hin, hindert es den Trauernden daran, diese Aufgabe abzuschließen.
Traditionelle Rituale wie z. B. die Beerdigung können hier hilfreich sein.

Die zweite Aufgabe ist
Den Schmerz verarbeiten.
Der Trauernde möchte diesen Schmerz nicht fühlen. Er kann körperliche Beschwerden verursachen, wechselnde starke Emotionen treffen den Trauernden und veränderte Verhaltensmuster (vermeidet alltägliche Verrichtungen, die an den Verstorbenen erinnern, oder lässt sich gehen, weil die Kraft fehlt) können sich zeigen. Wichtig ist jetzt, diese Komponenten zuzulassen, sie zu spüren. Eine Verdrängung verlängert den Trauerprozess.
Die Intensität des Schmerzes hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie z. B. die
Bindung zu dem Verstorbenen, wer ist gestorben, wie ist die Person gestorben, welche vorausgegangenen Trauererfahrungen gibt es, gibt es überhaupt schon Trauererfahrung und welcher Persönlichkeitstyp ist der Trauernde.
Die Erfüllung dieser Aufgabe wird manchmal durch das soziale Umfeld erschwert. Freunde und Familie möchten den Trauernden trösten und ablenken. Das kann dazu führen, dass der Schmerz verdrängt wird und sich zu einer Depression entwickeln kann.

Bei der dritten Aufgabe geht es darum,
Sich an eine Welt ohne die verstorbene Person anpassen.
Diese Aufgabe besteht aus drei Teilen:
1. Die externe Anpassung: Wie beeinflusst die neue Situation den Alltag? – übernimmt der Trauernde Aufgaben und Rollen des Verstorbenen? Passt er seinen Alltag der veränderten Situation an? Oder schafft er es nicht, sich anzupassen?
2. Die interne Anpassung: Wie beeinflusst die neue Situation das eigene
Selbstbewusstsein? – Erkennt der Trauernde die eigenen Stärken und Fähigkeiten? Schafft er es, daran zu wachsen?
3. Die spirituelle Anpassung: Wie beeinflusst die neue Situation den Sinn und die
Werte des Trauernden? – Hier geht es um Sinnfindung und die Entwicklung neuer Lebensziele. Oder kann er keinen Sinn finden, dies nicht verstehen?

Bei der vierten Aufgabe geht es darum,
Eine dauerhafte Verbindung zu der verstorbenen Person inmitten des Aufbruchs in ein neues Leben finden.
Kommt der Trauernde auch hier voran? Diese Aufgabe beginnt, wenn die Erinnerung an die verstorbene Person nicht mehr so intensiv den Alltag bestimmt. Es geht darum, den Verstorbenen im eigenen Seelenleben zu integrieren; der verstorbenen Person einen Platz im Leben einzuräumen. Dann wird Energie frei, für das weitere Leben ohne den Verstorbenen.
Anderes wird vermehrt wahrgenommen und trotzdem die Erinnerung wach gehalten, weil der Verstorbene ein Teil des Lebens war.
Hier möchte ich einen Teil aus meiner eigenen Trauererfahrung erzählen: Meine
Therapeutin hat in meiner Trauertherapie zu mir gesagt: „Stellen Sie sich Ihr Leben doch als Buch vor, mit vielen unterschiedlichen Kapiteln. Das Kapitel mit Ihrem Mann hat viel Platz in dem Buch eingenommen und ist jetzt abgeschlossen. Doch nun folgen neue Kapitel, manche länger, manche kürzer, manche fröhlich, manche traurig. Erwarten Sie diese mit Spannung und Neugier. Und trotzdem können Sie die alten Kapitel immer wieder
aufschlagen.“
Dieser Vergleich war sehr hilfreich für mich.

Wenn Aufgabe 4 nicht erfüllt wird, hindert es den Trauernden neue Wege zu gehen, sich neue Ziele zu setzen.
Auch William Worden versteht den Trauerprozess nicht als starre Abfolge, sondern dass die oben beschriebenen Aufgaben immer wieder neu angegangen und bearbeitet werden wollen. Dies kann auch mehrere Aufgaben gleichzeitig betreffen. Trauern ist ein beweglicher, fließender, ein dynamischer Prozess und braucht Zeit.

Was an dieser Stelle auch ganz gut passt sind Worte von Jorgos Canacakis, die ich in seinem Buch „Ich begleite dich durch deine Trauer“ gelesen habe. Und zwar spricht er darin von einer lebensfördernden und einer lebensbehindernden Trauer.
(Jorgos Canacakis ist 1935 geboren. Er ist Diplompsychologe und Psychotherapeut. Er hat eine Ausbildung in Gestaltpsychotherapie, Bewegungs- und Leibtherapie, Kunst- und Musiktherapie und ist zudem Gründer der Akademie für menschliche Begleitung in Essen und Zürich. Dort leitet er die
von ihm begründeten Trauerseminare, die seit Jahren großen Zuspruch finden).

Nun möchte ich noch 3 besondere Trauerformen vorstellen

1. KOMPLIZIERTE ODER ERSCHWERTE TRAUER
Von komplizierter oder erschwerter Trauer sprechen wir, wenn die Intensität ein solches Ausmaß erreicht, dass der Trauernde völlig überwältigt ist und problematische Verhaltensweisen an den Tag legt oder endlos in seinem Trauerprozess verharrt, keinen Schritt weiterkommt. Dazu kann es kommen, wenn die nachfolgend genannten Elemente die Art, Intensität und Dauer des Trauerprozesses bedeutsam beeinflussen.
a) Wer ist gestorben? – Wie alt war der Verstorbene? Wie war die Beziehung zu dem Verstorbenen? Vielleicht war die Beziehung von häufigen Konflikten geprägt, evtl. sogar von einem ungelösten Konflikt zum Todeszeitpunkt oder war die Beziehung besonders liebevoll und harmonisch. Beide Fälle können zu erschwerter Trauer führen.
b) Wie war die Bindung an den Verstorbenen: Bestand eine Abhängigkeit wie z. B. bei Eltern und ihrem Kind.
c) Wie ist die Person gestorben? War der Trauernde beim Sterbeprozess anwesend oder räumlich entfernt – Wie plötzlich kam der Tod? – War es ein gewaltsamer Tod oder ein Unfall? –– War der Todesfall vermeidbar? – Bleibt der Todesfall ungeklärt, z. B. bei vermissten Soldaten oder ist die Person bei einem großen Unglück ums Leben gekommen (Beispiel: 11. September)
d) Wie ist die bisherige Trauererfahrung?: Wie wurden vorausgegangene Trauerprozesse erlebt und verarbeitet? Ist es der erste Trauerfall?
e) Die Persönlichkeit des Trauernden: Welches Alter und welches Geschlecht hat der Trauernde? – Wie bewältigt er Krisensituationen – Welchen Bindungsstil hat der Trauernde?
f) Soziale Faktoren: In einem intakten sozialen Gefüge ist Trauer leichter zu ertragen. Wenn jedoch der Trauerfall stigmatisiert ist wie z. B. bei einem Suizid oder bei einem Schwangerschaftsabbruch, wird der Trauernde selten direkt darauf angesprochen. Soziale Isolation kann auch ein Indikator für komplizierte Trauer sein.
g) Gibt es gleichzeitig auftretende Belastungen?: Wie geht es finanziell weiter? Befindet sich der Trauernde in einer weiteren Krisensituation?

2. TRAUERÜBERLASTUNG
Von Trauerüberlastung sprechen wir, wenn mehrere Todesfälle gleichzeitig oder in kurzen Abständen erfolgen. Der eine Trauerprozess ist noch nicht durchschritten, dann stirbt eine weitere nahestehende Person.
Fallbeispiel: Ein Ehepaar lebt mit seinem Kind in einem Haus mit den Eltern der Ehefrau zusammen. Die Mutter der Ehefrau stirbt plötzlich. Sie war zwar herzkrank, jedoch war der Tod zu diesem Zeitpunkt nicht vorherzusehen. Der Trauerprozess begann. Etwa 5 Monate später suizidiert sich der Bruder des Ehemannes. Nun beginnt ein komplizierter Trauerprozess und noch in der akuten Phase, etwa 3 bis 4 Wochen nach dem Suizid des Bruders, stirbt der Vater der Ehefrau, der, wie vorher die Mutter, tot im Haus aufgefunden wird. Auch dieser Tod war nicht vorherzusehen.
In einem solchen Fall ist eine Trauertherapie anzuraten. Viele Trauernde suchen etwas oder jemanden, der ihnen den unerträglichen Schmerz wegnimmt. Nicht selten kommt es vor, dass eine Trauergruppe besucht wird. Im Fall einer Trauerüberlastung oder auch Trauer nach Suizid könnte der Besuch einer normalen Trauergruppe jedoch kontraproduktiv sein, weil die „normal“ trauernden ja auch ihren eigenen, einen ganz großen Schmerz erleben und hören dann von diesem besonderen Fall. Das könnte sie überfordern.
Und die Menschen in einer Trauerüberlastung oder in Trauer nach Suizid fühlen sich unverstanden. Bei Trauerüberlastung und Trauer nach Suizid gibt es spezielle Trauergruppen.

3. ANHALTENDE (PROLONGIERTE) TRAUERSTÖRUNG
Im März 2016 wurde ich auf ein Forschungsprojekt aufmerksam, zum Thema wie Praktiker/-innen im Gesundheits- und psychosozialen Bereich zur Aufnahme der anhaltenden Trauerstörung in die Internationale Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10, Kapitel V) als neue Diagnose stehen.
Daraufhin habe ich mich mit diesem Thema befasst und hatte folgende Gedanken:
Zunächst habe ich es abgelehnt, Trauer zeitlich zu begrenzen und als krankhaft einzustufen.
Doch kam ich zu dem Schluss, dies nochmal zu überdenken und auch einen
Vorteil darin zu finden, die anhaltende Trauerstörung als Erkrankung zu klassifizieren.
Bei Menschen, die an einer lebensverkürzenden Erkrankung leiden, beginnt eine vorausgehende Trauer, nicht nur für den Erkrankten, sondern auch für die Angehörigen, Freunde und Kollegen. Sie alle trauern um die Unerfüllbarkeit von Wünschen, Hoffnungen und Plänen. Um den Verlust von Lebenschancen, die sich nicht mehr verwirklichen lassen und um den Verlust von Fähigkeiten. Denn hier beginnt der Trauerprozess bereits ab der Diagnosestellung. Der gesundheitliche Zustand wird sich nicht verbessern, sondern stetig verschlechtern. Die Erkrankten sind nur bedingt arbeitsfähig, können nicht mehr jeden Beruf ergreifen. Lebensentwürfe stimmen nicht mehr. Vielleicht ist eine Partner- oder Elternschaft nicht mehr möglich. Wenn nun die anhaltende Trauerstörung als pathologisch eingestuft wird, könnte es einfacher sein, Kostenübernahmen bei der Krankenkasse durchzusetzen.
Die akute Trauer beginnt direkt nach dem Tod eines nahestehenden Menschen und kann auch nach 6 Monaten noch intensive Emotionen auslösen. Beginnt sich jedoch allmählich sich zu einer integrierten Trauer zu entwickeln.
Wie können wir also nun erkennen, ob der Trauernde an einer anhaltenden Trauerstörung leidet?
Es ist sehr schwierig dies von einer normalen Trauer abzugrenzen. Seit etwa 20 Jahren beschäftigt man sich mit der Definition der anhaltenden Trauerstörung. Wann ist eine Trauer noch normal und wann ist sie pathologisch.
Die Kriterien, die bei der Diagnose einer anhaltenden Trauerstörung zugrunde liegen, sind sehr zahlreich. Welche letztendlich bei der Überarbeitung des ICD in die Diagnostik aufgenommen werden, steht noch nicht fest. Meiner Ansicht nach gehört die vorausgehende Trauer, wie oben beschrieben, auch dazu.

Generell kann man aber sagen, wenn nach etwa einem halben Jahr noch kein Fortschritt im Trauerprozess zu erkennen ist und die Gedanken an den Verstorbenen überwiegend den Alltag beherrschen, kann eine anhaltende Trauerstörung vorliegen.
Um herauszufinden ob eine normale oder anhaltende Trauerstörung vorliegt, wurden Fragebögen entwickelt. In diesen Fragebögen bewertet der Klient verschiedene Faktoren zur Intensität von z. B. Sehnsucht, Akzeptanz, Alltagsbewältigung.

Quellen und Literatur zum Thema Trauer:

Autor Titel ISBN
Antja Abram & Daniela Hirzel Fühlen erwünscht 978-3873876538
Chris Paul Neue Wege in der Trauer- und Sterbebegleitung 978-3579068350
Gerda und Rüdiger Maschwitz Phantasiereisen zum Sinn des Lebens 978-3466365050
Jorgos Canacakis Ich sehe deine Tränen 978-3783121186
Jorgos Canacakis Ich begleite dich durch deine Trauer 978-3451612107
Monika Hirschauer, Annelene Mirow-Strack, Günther Lohr, Thomas Prieto Peral (Hrsg.) Aller Wandlung Anfang ist die Sehnsucht 978-3532622681
Rita Rosner, Gabriele Pfoh, Roberto Rojas, Monika Brandstätter, Ruth Rossi, Gudrun Lumbeck, Michaela Kotoučovà, Maria Hagl, Edgar Geissner Anhaltende Trauerstörung 978-3801724351
Stephanie Witt-Loers & Birgit Halbe Kindertrauergruppen leiten 978-3579068459
Verena Kast Trauern 978-3451612367
William J. Worden Beratung und Therapie in Trauerfällen 978-3456848853